»Los, versteck dich. Ich glaube, er wacht auf.«
Mystery hörte die Worte, ohne zu begreifen, was sie bedeuteten. Er hatte das Gefühl, aus einem dunklen See aufzutauchen, fast so wie damals, als er auf der Jagd nach einem Vögelchen aus Versehen in den Gartenteich gefallen war und sich zurück ans Ufer gekämpft hatte.
»Hey, bist du wach?«, fragte die Stimme neben ihm.
»Hmmmm, nein, bin ich nicht«, murmelte Mystery. Die Müdigkeit umhüllte ihn verlockend weich. Warum sollte sich jemand vor ihm verstecken, so krank und schwach, wie er war? Ohne die Augen zu öffnen, rekelte er sich auf der Unterlage, die so schön erdig nach Moos roch, und streckte wohlig die Pfoten von sich.
Seltsam, mir tut gar nichts mehr weh, dachte er und erinnerte sich. Da war Mama, dicht neben ihm, mit ihrer Hand streichelte sie sacht sein Fell. Er lag auf seiner Lieblingsdecke mit den bunten Katzenpfötchen. Und da war der Schmerz. Plötzlich spürte er einen dicken Kloß in der Kehle. Sein kleiner Körper verkrampfte sich, als ihm einfiel, wie sie frühmorgens, es war noch dunkel draußen, mit dem Auto zur Tierklinik gefahren waren. Mama hatte geweint. Überhaupt: Wo war sie? Die Einsamkeit stach in sein Herz. Mystery rollte sich eng zusammen und schlief wieder ein, um der Erinnerung zu entfliehen.
»Beim Großen Regenbogen, schläft der lange«, quiekte eine hohe Stimme direkt neben Mysterys Ohr. Unwillig schüttelte er den Kopf. Jemand stupste ihn an. Er riss die Augen auf und sah in das Gesicht eines Katers.
Feuergelb umrahmte Pupillen funkelten nur wenige Pfotenbreit vor seiner Nase. Vor Schreck kniff Mystery die Lider gleich wieder zusammen. Wer war das? Maxie, sein Kumpel zu Hause, hatte gelbe Augen. Und sein Fell war kohlrabenschwarz, nicht weiß wie der Pelz dieses Gesellen hier neben ihm. Nein, Maxie war das nicht, außerdem war er viel schmaler gebaut. Dieser Kater war groß – sehr groß. Mystery lugte vorsichtig durch seine Wimpern und unterdrückte das Bedürfnis, aufzuspringen und Deckung zu suchen. Der Fremde schien friedlich zu sein, sonst hätte er seine missliche Lage sicher längst ausgenutzt.
»Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken. Es ist nur …« Der Kater zögerte. »Ich glaube, es ist wichtig, dass du etwas Wasser trinkst. Dann fühlst du dich bald besser. Komm her, gleich hier oben.«
Mystery entspannte sich und sah sich um. Er lag auf einem steinernen Sims in einer tief ausgeformten Mulde. Ein langer Grashalm, der aus der Polsterung aus Moos hervorragte, kitzelte an seiner Nase, als er verstohlen die Umgebung inspizierte, um für eine etwaige Flucht gewappnet zu sein.
Der unebene Felsboden erstreckte sich fast kreisförmig eine Katzenlänge unter ihm. Gegenüber erhob sich eine ähnlich breite Bank aus Stein wie die, auf der er lag. Die mausgrauen Wände und der Fußboden verschwammen im Dunkeln. Auf der rechten Seite war es heller. Mystery erkannte einen schmalen Gang, der aus diesem höhlenähnlichen Raum nach draußen zu führen schien. Er seufzte und sehnte sich zurück in die wärmenden Sonnenstrahlen daheim auf seinem Lieblingsplatz.
Der andere Kater hockte neben ihm und putzte lässig eine Vorderpfote. Sein weißes Fell leuchtete im Halbdunkel. Ein großer schwarzer Fleck, geformt wie ein im Wind flatternder Umhang, zierte seinen Rücken. Zwischen den Ohren hindurch zog sich ein Streifen, der unterhalb des linken Auges endete und dem Gesicht etwas Verwegenes gab, so als trüge der Kater eine schwarze Augenklappe.
Mystery gähnte ausgiebig. Die triste Färbung von Boden und Wänden und das schummrige Licht verführten dazu, gleich wieder einzuschlummern, aber die Neugierde tanzte in seinen Gedanken und ließ ihm keine Ruhe.
»Du siehst aus wie so ein Typ, den ich mal im Fernsehen gesehen habe, als ich neben meiner Mama auf dem Sofa lag. Er hieß Zorro oder so ähnlich«, platzte er heraus. »Wer bist du? Und wo sind wir hier?«
»Zorro«, gluckste der Kater. »Hihi, nicht schlecht, leider falsch. Ich bin Mücke und werde mich um dich kümmern. Jetzt trinken wir etwas, alles andere erkläre ich dir später.« Mit einem Satz sprang er auf einen kleinen Felsvorsprung über ihnen, der sich an der Wand entlang rund um das Höhleninnere zog.
»Hier ist Wasser. Los, komm.« Ungeduldig spritzte er einige Tropfen in Mysterys Richtung.
»Können wir das nicht auf später verschieben? Ich habe in der letzten Zeit so furchtbar viel Wasser getrunken, dass ich es leid bin.« Mysterys Magen knurrte so laut, dass Mückes Ohrmuscheln seitlich wegklappten, so als hätte er Segelohren.
»Warum erzählst du mir nicht erst, wo wir hier sind? Und dann bräuchte ich dringend etwas zu fressen. Ich heiße übrigens Mystery.« Er kuschelte sich tiefer ins weiche Moos.
»Mystery. Was für ein seltsamer Name«, sagte Mücke. »Aber er gefällt mir.«
Plötzlich verlagerte Mystery das Gewicht, schob sich dichter an Mücke heran und ließ ihn nicht aus den Augen.
»Hey, starr mich nicht an, das ist unhöflich«, beschwerte sich Mücke. »Ich will dir doch nur helfen.«
»Nicht bewegen!«, flüsterte Mystery. »Neben dir sitzt mein Frühstück! Das kommt ja wie gerufen.« Sein Schwanz schlug hektisch von einer Seite zur anderen. Er ignorierte, dass Mücke ihn entsetzt ansah und abwehrend die Pfoten hob, wackelte mit hocherhobenem Hinterteil und setzte zum Sprung an.
Wie es im Regenbogenland weitergeht und ob Mystery bei der Jagd erfolgreich sein wird … steht im Buch.
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